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White Saviourism & Koloniale Kontinuität

Der Begriff „White Savior Complex“ wurde ursprünglich im Jahre 2012 durch den nigerianisch-amerikanischen Schriftsteller Teju Cole geprägt, der damit das YouTube-Video „Kony 2012“ kommentierte, in dem der Regisseur Jason Russell sich als Retter aufspiele, ohne die historischen Gegebenheiten zu reflektieren. Dies nahm er als Beispiel für die Neigung privilegierter Menschen aus dem globalen Norden den Menschen im globalen Süden ihre Vorstellungen aufzuzwingen.

In der Filmkritik beschreibt „White Saviorism“ das Phänomen, dass Weiße BIPoC (Black and Indigenious People of Color) aus einer Notlage retten, wobei impliziert wird, dass BIPoc nicht imstande seien sich selbst zu helfen. Beispiele für diese in Hollywood-Filmen weitverbreitete Praxis gibt es unzählige, wie den Film Avatar von James Cameron, in dem ein Weißer humanoide Außerirdische vor der gewaltsamen Besiedlung ihres Grund und Bodens rettet. Der Effekt der dabei erzielt wird, ist dass weiße Zuschauer*innen sich mit den Protagonist*innen identifizieren können und daher die Retter*innen-Rolle einnehmen können, wohingegen BIPoC als hilflos dargestellt werden.

Leider ist dieses Phänomen allerdings nicht nur in Filmen, sondern auch in der Realität zu beobachten. Es geht hierbei um das Selbstverständnis von Menschen aus dem globalen Norden, die sich dazu berufen fühlen Menschen aus dem globalen Süden zu „erretten“. Dieses Selbstverständnis impliziert den Glauben das Recht und das Wissen zu besitzen, entscheiden zu können wie andere Kulturen „richtig leben“ sollen und geht somit von einer Überlegenheit der europäisch-amerikanischen Kultur und Lebensweise gegenüber dem Rest der Welt aus.

Obwohl die Intentionen dieser „Hilfeleistung“ mit dem „Wunsch etwas zurückzugeben“ meist grundsätzlich gut und moralisch sind, ist das Ergebnis aus etlichen Gründen problematisch:


Dieses vermeintliche Besserwissen kann man unter anderem am Beispiel von Freiwilligentourismus beobachten. Dabei kommen oft sehr junge, wenig qualifizierte, privilegierte Menschen in den globalen Süden und wollen den einheimischen Menschen erklären, wie sie ihre Kultur und Lebensweise besser gestalten können. Es handelt sich bei diesem Überlegenheitsgefühl allerdings keinesfalls um ein persönliches, sondern um ein durch Historie, mediale Berichterstattung und Bildungssystem sozial konstruiertes. Dies spiegelt sich beispielsweise auch in den Begriffen „Entwicklungsland“ oder „Dritte Welt“ wider, die meist nicht mit böser Absicht benutzt werden, jedoch aber ein Machtgefälle implizieren.

Außerdem trägt diese Art der „Hilfestellung“ zur Aufrechterhaltung kolonialer Strukturen bei. Zum einen werden dadurch bestehende Machtstrukturen und ein unterlegenes Verständnis anderer Kulturen bzw. des Verhältnisses anderer zur eigenen Kultur reproduziert. Zum anderen werden defacto neue Abhängigkeiten geschaffen, da Organisationen und Einrichtungen durch westliche Spendengelder errichtet und unterhalten werden, anstatt lokale Initiativen zu fördern, die auch ohne Spendengelder langfristig wirksam sein können.

Was leider oft nicht mehr mit ganz so reinen Intentionen geschieht, ist die Selbstinszenierung in den sozialen Medien. Gerade beim Freiwilligentourismus geht es oft mehr darum eine schöne Zeit zu haben und Anerkennung zu erhalten, als darum wirklich etwas zu verändern. Weiterhin wird auch hier, wie in den klassischen Medien, nur die eigene eurozentrische Perspektive des weißen Retters gezeigt und einheimische Menschen kommen nicht zu Wort. Zuletzt geschieht diese soziale Vermarktung leider auch ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte und Grenzüberschreitungen gegenüber den Betroffenen.


Da Zukunftswaisend ein Verein ist, der von Menschen im globalen Norden gegründet wurde, um Hilfe im globalen Süden zu leisten, betrifft uns dieses Thema natürlich zentral. Daher sprechen wir das Thema offen an und versuchen unsere westlich sozialisierte Perspektive zu reflektieren und diese Reflexion im Handeln und der Vision unseres Vereines umzusetzen.

Unsere Vision hat sich dem Abbau von Abhängigkeiten verschrieben und alle Projekte, die wir fördern zielen auf eine langfristige Selbstversorgung des Heart Children’s Home ab. Weiterhin haben wir in unseren Codes of Ethics eine explizit nicht-direktive Zusammenarbeit mit der Heimleitung deklariert. Nicht wir treffen die Entscheidungen, sondern die Menschen vor Ort. Unsere Hauptaufgaben bestehen somit in der Bereitstellung Geldern und im Vorschlag von Ideen. Das Geld fließt dabei direkt zur Heimleitung und in die Projektförderung vor Ort und die Verwendung der Gelder wird dabei regelmäßig transparent gemacht. Aktuell entwickeln wir zudem mit der Heimleitung vor Ort eine Strategie, um weitere lokale Unterstützungen zu erhalten. Zuletzt versuchen wir von jeglicher Selbstinszenierung auf den sozialen Medien abzusehen.

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